Samstag, 29. September 2012

Was ist ein Plagiat?

Bildquelle:Wikimedia
Zahlreichen Plagiatsaffären zeigen die Aktualität des Themas an. Der technologische Fortschritt hat uns "Copy & Paste" beschert. Was in der täglichen persönichen Recherchearbeit zum Segen gereicht, wird in der wissenschaftlichen Arbeit zur Gefahr. Und die Technologie ist eben auch in beiden Richtungen anwendbar, eben auch zum Auffinden des Einsatzes der bekannten Tastenkombinationen.

Geisterfahrer. Freilich darf man die Strenge, welche man an wissenschaftliche Arbeiten anlegt nicht auf alle Publikationsformen in derselben Weise anlegen. Für wissenschaftliche Arbeiten müssen strenge Regeln gelten, auch wenn sie manchmal bereits ritualartig wirken und der umfangreiche "Zitatenschatz" auch eine besondere Form des Plagiats darstellen kann, welche Tiefenrecherche und Wissenschaftlichkeit suggerieren soll. Im öffentlichen Leben ist beispielsweise der Ghostwriter zu einer Selbstverständlichkeit geworden, welche ganze Büros beschäftigt und doch werden Reden und Schriften mit anderen Namen auch in wissenschaftlichen Arbeiten zitiert als denn die der Ghostwriter. Und wenn man bei jeder Nennung der Allgemeinen Relativitätstheorie in Klammer "Einstein, 1905" hinzufügen müsste, dann würde es geradezu kindisch, ganz zu schweigen bei der ohnedies meist falsch verwendeten Metapher vom Quantensprung.

Patentunfug. Sprache ist lebendig und Wissen ebenso. Die Sprache, Buchstaben- und Wortfolgen zu "patentieren" entspricht derselben gesellschaftlichen Dummheit wie das Patentieren einer Maissorte. Wenn "Memory" als Bezeichnung eines Spieles (und einer Lerntechnologie)  markenrechtlich geschützt und damit dem allgemeinen Gebrauch entzogen ist, wiewohl es eben zur Umgangssprache geworden ist, dann wird dies deutlich und die Umschreibung eines Spieles mit "Tierpärchen finden" ist dann nicht nur dümmlich und umständlich sondern eine Enteignung an Sprache. Ja Sprache ist nun einmal auf die Kopie angewiesen, ist Kopie, erzeugt sinnvolle und gewünschte Redundanz. Alles andere wäre ja Babylon.

Nachahmen. Die Wissensgesellschaft und ihr Tempo kommt nicht ohne Copy & Paste aus. Eine irgendwo gefundene sehr "praktikable Wortkombination" mit einem Zitat belegen zu müssen, geht zu weit. Wenn man es selber einfach nicht besser sagen kann, als es schon gesagt ist, warum sollte man es anders sagen. Es bleibt auch mit den "fremden" Worten das eigene.  Darüber sollte man sich nicht hinwegtäuschen und die Verwendung von Textbausteinen ist ja nur ein ganz kleiner Hinweis darauf. Die Tastenkombination Copy & Paste (muss man hier nicht auch schon eine Füßnote mit McIntosh/Windows anfügen!) ermöglicht schließlich eine sehr rasche Weiterverbreitung und hat durchaus auch emanzipatorischen Charakter und die soziale Evolution ist nun mal nicht erst seit heute Crowdsourcing.

Darüberhinaus ist nicht nur in der modernen Gesellschaft das Kopieren und Nachahmen ein essentieller Bestandteil des alltäglichen Lebens. Lernen durch Nachahmen ist von Babytagen an eine unserer wichtigsten Kulturfähigkeiten. Dies zu unterschlagen hieße, die Realität und Bedingungen nicht nur des menschlichen Lebens zu verneinen. Was ist denn selbst ein Gentest anderes als das Aufspüren der genetischen Tastenkombination von Copy & Paste.

Copyrights. Die Plagiatsdiskussion bedarf einer zusätzlichen Diskussion in Richtung einer Öffnung des Copyrights und des Open Access. Urheberrechte wie Patentrechte als Eigentumsrechte haben ihre Grenzen dort, wo sie auch andere Eigentumsrechte haben (müssten). Das Wort von der Sozialbindung des Eigentums darf wohl auch hier einer Interpretation und jeden auch bereits paraphrasierten  Biografieeintrag in einem der tausenden Biografienlexikas als "geistiges Eigentum" zu schützen ist geistlos. Zudem bedarf es der Unterscheidung zwischen alltäglichen Gebrauchstexten und ökonomischen Verwertungsversuchen von Copy&Paste-Texten. Seit dem Siegeszug der Sharefunktion im Internet ist der Copyright-Schutz vielfach ohnedies zur Fiktion geworden.

Vertrauensschutz. Nichtsdestotrotz müssen für wissenschaftliche Arbeiten Regeln gelten, insbesondere solche die einen Nachweis der erworbenen Fähigkeiten und eine Verknüpfung von Berechtigungen daraus erwirken. Wer an einer Universität medizinisch ausgebildet wurde und dies mit einem Titel und Diplom öffentlich beurkundet wird, der hat Verpflichtungen: Sowohl gegenüber dem "Urkundenamt" als auch der Öffentlichkeit, die darauf vertrauen können muss, dass der "Herr Doktor" kein Quacksalber ist, wie man ja auch von einem Tischlergesellen erwarten muss, dass er sein Gesellenstück eigenständig geschaffen hat und damit seine Fähigkeiten und Kenntnisse einem nachvollziehbaren und überprüfbaren Praxistest unterzogen hat, dass er kein "Pfuscher" ist.

Beweisführung. Bei Juristen wird der Sinn von Zitaten und Zitierweisen sehr anschaulich. Dort dient das Zitat, beispielsweise die Entscheidung einer Oberinnstanz oder die Rechtsmeinung eines anerkannten Rechtsgelehrten als Beleg dafür, dass die eigene vertretene (Rechts-)Meinung im Interesse des Verfahrens oder Vertretenen die richtige ist. Das Zitat ist hier nicht wissenschaftliche Zierde und Nachweis persönlicher Belesenheit sondern eine Art "Rechtsquelle". Selbst das schriftlose Gewohnheitsrecht muss der Jurist, so er sich darauf berufen will, nachweisen, beweisen können, was in einem juristischen Schriftsatz nichts anderes bedeutet als eben die Quelle zu "zitieren".
  • Wer also in einer Dissertation (wirklich, also vorsätzlich in Täuschungabsicht ) plagiert,  tut dies nicht in einem öffentlichen Interesse für die Wissensgesellschaft sondern will blenden (im ursprünglichen Sinne des Wortes) und nicht beweisen, nachweisen. Wer dort plagiert, will oder kann seine erworbenen Fähigkeiten nicht nachweisen und beweisen sondern verwechselt dies mit einem Schönheitswettbewerb der eben auch mit maskenbildnerischen Mitteln beeinflusst werden kann. 
Eklektizismus. Freilich bleibt dabei offen, ob die eklektische Aneinanderreihung von ordnungsgemäß zitierten Zitaten mit Bindewörtern nicht auch eine besondere Art des Plagiats sein kann, eine Sonderform des Paraphrasierens, eine "Bindewort-Paraphrase". Aber das zu werten, ob die Arbeit wirklich darüber hinausgeht, obliegt bei ja den zuständigen Gremien, bei denen die Arbeit eingereicht wird.        

Plagiatsformen beim Studium
1) Ghostwriter. Der Verfasser reicht ein Werk, das von einem anderen erstellt wurde («Ghostwriter»), unter seinem Namen ein.
2) Vollplagiat. Der Verfasser reicht ein fremdes Werk unter seinem Namen ein (Vollplagiat).
3) Selbstplagiat. Der Verfasser reicht ein und dieselbe Arbeit (oder Teile davon) zu verschiedenen Prüfungs- oder Seminaranlässen ein (Selbstplagiat).
4) Übersetzungsplagiat. Der Verfasser übersetzt fremdsprachige Texte oder Teile von fremdsprachigen Texten und gibt sie ohne Quellenangabe als eigene aus (Übersetzungsplagiat).
5) Copy & Paste-Plagiat. Der Verfasser übernimmt Textteile aus einem fremden Werk, ohne die Quelle mit einem Zitat kenntlich zu machen. Hierzu gehört auch das Herunterladen und Verwenden von Textteilen aus dem Internet ohne Quellenangabe (Copy & Paste-Plagiat).
6) Paraphrasieren. Der Verfasser übernimmt Textteile aus einem fremden Werk und nimmt leichte Textanpassungen und -umstellungen vor (Paraphrasieren), ohne die Quelle mit einem Zitat kenntlich zu machen.
7) Verstecken. Der Verfasser übernimmt Textteile aus einem fremden Werk, paraphrasiert sie allenfalls und zitiert die entsprechende Quelle zwar, aber nicht im Kontext des übernommenen Textteils bzw. der übernommenen Textteile (Beispiel: Verstecken der plagiierten Quelle in einer Fussnote am Ende der Arbeit). 
Quelle Plagiatsformen beim Studium]Unijournal 4/2006: Plagiatsformen und disziplinarrechtliche Konsequenzen - Christian Schwarzenegger,Vorsitzender des Disziplinarausschusses; Wolfgang Wohlers, Universitätsanwalt (Uni Zürich)
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